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Der Samstagsmarkt ist wieder gut besucht. Die Händler freut es. Kunden drängen sich bei herrlichem Sonnenschein in den Gängen zwischen den Auslagen, weniger an den Ständen selbst, mehr an den Tischen, wo man es sich gutgehen lässt.

Currywurst, die beliebte Thüringer, Leberkäs oder Nackensteaks im Brötchen und Bier gehen weg, wie die sprichwörtliche warme Semmel. Die Außentemperatur von 35 Grad sorgt automatisch dafür, dass sie ihrem Ruf gerecht wird.

Sogar dampfender Kaffee und selbstgemachte Torten sind erhältlich, wenn es denn sein muss auch eine Fanta oder Coca-Cola. Im eigenen Ofen gebackenes Brot sowieso - das ist einer der Renner an jedem Samstag. Zurecht übrigens. Und natürlich bewegt so manch einen, was in der vergangenen Woche passiert ist. Der Markt, wie eh und jeh und überall auf der Welt ein Platz, an dem die neusten Gerüchte und Informationen ausgetauscht werden, ist ein unerschöpflicher Brunnen an Wissen. Und die Neuigkeiten sind manchmal genauso heiss, wie ein Würstchen es sein sollte.

Schon um zehn Uhr morgens ist man fröhlich - das Bier wirkt bei dieser Hitze schneller und Volksmusik aus deutschen Landen beschwingt. Nicht jeden - aber das interssiert die, die ihre krächzende 8-Watt-Anlage ohne Absprache mit den anderen bis zum Anschlag aufdrehen, herzlich wenig. Doch wenn schon Helene Fischer, solte man wenigstens verstehen, was sie seit mehreren Jahren atemlos umtreibt. Auch ein paar ausländische Titel, beispielsweise spanischsprachige, wären ab und zu nicht schlecht. Das wäre den Cucarachas, die man zuweilen beim Schlendern durch die Marktgasse antrifft, sicher sehr recht. Aber soweit gehen die Marktstandorganisatoren nicht. Un-ter sich zu bleiben ist ein hohes Gut.        

Einige Händler sitzen relativ unbeteiligt hinter ihren Tischen. Schnapsgläser aus Omas Schatztruhe oder Messer-Sets aus China finden nicht die Beachtung, die man sich wünscht. Schraubenzieher und Abschlappseile auch nicht. Interessanter ist da schon sonstiger angebotener Billigramsch. Durch ihn wird zumindest das mathematische Gedächtnis bemüht, wenn es auszurechnen gilt, um wie viel hundert Prozent man überteuert einkaufen könnte.    

Ausserdem gibt's Pflanzen-, Obst- und Gemüsehändler. Die sehen ein bisschen anders aus, sprechen auch anders - aber solange sie sich ordentlich benehmen und in der anderen Standreihe, gegenüber den deutschen Anbietern bleiben, soll's recht sein. In Gottes Namen! Hausgemachtes Sauerkraut vom Schweizer findet heute reissenden Absatz. Er darf in der Standreihe der Deutschen bleiben. Grürzi - man versteht sich.      

Beim Austausch von Neuigkeiten arbeiten die Zungen nach ein paar Bierchen auch schneller als das Gehirn, zumindest vorübergehend. Blitzartig ist hinter vorgehaltener Hand der Nachbar niedergemacht - der zuallererst und sowieso, der auf dem Markt dieselben Produkte anbietet. Aber auch alle anderen im Dorf bekommen ihr Fett ab. Wer sich von wem getrennt hat, geht blitzschnell durch die Runde. Wer bankrott ist oder sich beim Grundstückskauf übernommen hat und jetzt händeringend Käufer für ein paar Hektar, spottbillig, sucht, ist bald ausgemacht. "Und jetzt stehen sie vor den Scherben ihrer Existenz." Das "he, he" verkneift man sich, das "ich hab's ja gleich ge-wusst", nicht. Wenn es hochkommt werden die Pechvögel bedauert. Sie haben halt nicht auf die Alteingesessenen gehört. Also ist ihr Scheitern absolut logisch und, tja, wer den Schaden hat ...

Und dann diese Touristen! Die meisten anwesenden Gästehaus-Vermieter sind sich einig: Die zahlen viel zu wenig. Selbst, wenn ihre Ferienunterkunftsmieten mit Seeblick und zwanzig Jahre alter Ausstattung masslos überhöht sind, sind sie über die Besucher sauer. Mehr Geld muss her und also sind Nebeneinkünfte unerlässlich. Touristen hat man schliesslich nur eine kurze Zeit um sich - und die muss optimal genutzt werden. Einige Vermieter verfallen auf die geniale Idee, für diverse Dienstleistungen den Gast zahlen zu lassen, was er möchte. Ist das nicht grossartig und generös? Doch es funktioniert nicht immer, denn da gibt es doch tatsächlich solche, die konkrete Preisangaben verlangen. Welch eine Unverschämtheit! Statt besser tiefer in die Tasche zu greifen, will der Tourist doch allen Ernstes wissen, was ihn der vom Vermieter angebotene Autotransport in die nächste Stadt kostet! Also sowas! Das, was einem jeder Reiseführer empfiehlt, nämlich den Preis mit dem Taxifahrer vor Fahrtantritt auszuhandeln, sollte man hier besser unbeachtet lassen, wird man freundschaftlich und wissend beraten. Die würden den Gast sowieso nur über den Tisch zie-hen wollen. "Gib' lieber mal freiwillig was dazu", wenn Du mitfährst, ist die hochprofessionell er-mittelte Preisformel. Einige Fremde folgen diesem Angebot aus Verlegenheit gerne - und zahlen reichlich. Schliesslich kennt man die Tarife vor Ort nicht so genau und will in den Ferien ja auch nicht als Knauser gelten. Der Gastwirt wird's schon wissen. Ist ja auch ein ganz netter. Außerdem ein Deutscher. Und das allein bürgt für Zuverlässigkeit und Qualität! Wenn's dem Wirt dann aber doch zu wenig ist, hat er ein Problem mit den zu geringen Nebeneinkünften. Also bietet er lieber gar nichts mehr an und schleicht sich.    

Langzeiturlaubern wird gerne auch ein Wäsche-Service angeboten. Ist ja auch irgendwie notwendig, denn wer bringt schon Wäsche für mehrere Monate mit? Erst, wenn er angekomnmen ist, erfährt der Reisende allerdings, dass es besser gewesen wäre, wenn er schon nicht die Wäsche für mehrere Monate, so doch wenigstens seine eigene Waschmaschine mitgebracht hätte. Denn die für den Service zur Verfügung stehende ist leider zu klapprig und überhaupt: Waschen und Bügeln fällt einfach zu schwer. Aber für Abhilfe ist unaufwendig gesorgt, wird man freundlich beruhigt. Wenn der Gast sich schnell ein Auto zulegen würde, ist das Problem sofort gelöst. Nur zwei Kilometer weiter gibt's einen Waschsalon.

Nebenbei gibt's am Schluss des Aufenthalts - letzte Chance, die Nebeneinkünfte zu erhöhen - manchmal auch noch ein paar Sonderrechnungen. Zum Beispiel dann, wenn der schreckliche Besucher (Gott sei's gedankt, dass er endlich wieder geht) ein Raucher war. Das Ab- und Wiederaufhän-gen von Gardinen, was die Hausangestellte kostenlos erledigt, bedarf einer saftigen Extrazahlung, neben dem zu begleichenden Reinigungspreis der Gardinen, versteht sich. Oder es gibt plötzlich Spezialrechnungen für das Post mitbringen. So ein Kuvert wiegt schließlich einiges und die Autoachsen verschleißen beim Transport. Also wirklich! Aber, ach, diese Touristen! Sie wollen alles nur für Lau.  

Nachdem das nun alles ausgiebigst kameradschaftlich-missgünstig durchgekaut ist, kommt es richtig dicke. Wie aus heiterem Himmel mischt sich plötzlich ein weiterer, ein Ausländer! unter die deutschen Händler. Zwar eröffnet er seinen Stand ganz bescheiden am Ende aller Stände doch bietet er zu allem Überfluss auch noch ein Produkt an, was andere nicht verkaufen. Also das geht ja nun gar nicht! Sind wir hier etwa auf einem Basar? Man ist aufgebracht und verlangt eine Markthändlerbesprechung.

Was denn das wäre, wird gefragt. Was erlaubt der sich? Kann jetzt hier jeder machen, was er will? Wer ist der eigentlich?

Die Antwort ist schnell gegeben: Es ist ein Paraguayer, der in seinem eigenen Land und hier am Marktplatz von San Bernardino, ein köstliches Asado anbietet.

Ist sowas denn erlaubt? Darf der das? Hat mal jemand schnell die Marktstatuten bei der Hand ...?

(Dieter Schreiterer)

 

Kategorie: Satire